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Bouillottes - Eric Halphen

Nil Rouge - Gérard Oberlé

Cap Esterel - Tanja Langer

Im Licht der Lagune - Hanns-Josef Ortheil



Nach Süden
oder
Auf der Suche nach dem Grossen Abendländischen Roman



von Marco Schütz

Eric Halphen, Bouillottes (Gallimard, Paris 1999)
Gérard Oberlé, Nil rouge (Le cherche midi, Paris 1999)
Tanja Langer, Cap Esterel (Volk & Welt, Berlin 1999)
Hanns-Josef Ortheil, Im Licht der Lagune (Luchterhand, München, 1999)

PARIS, 19 März 1999 - Marcel Proust ist tot. Thomas Mann ist tot. Und John Updike ist auch schon ziemlich müde. Auf der Suche nach dem jeweils neuen GROSSEN ROMAN streifen Kritiker, Preisrichter und Literaturagenten durch immer exotischere Gefilde. Nach den Lateinamerikanern und Indern wird demnächst wohl ein vielversprechender tibetanischer Autor zur Supernova der langsam verglühenden Gutenberg-Galaxis ausgerufen. Derweil müssen in Europa die Schriftsteller der jüngeren Generation das Erzählen neu erlernen, nachdem das Publikum den postmodern introvertierten Experimentaldichtern angeekelt den Rücken gekehrt hat. Aber es ist nicht leicht, mitten im hysterischen Literaturbetrieb in Ruhe ein gutes Buch zu schreiben. Der Verschleiss an Talenten ist enorm. In Frankreich wird Michel Houellebecq nach zwei einigermassen gelungenen Romanen gleich als Herold eines neuen Stils gefeiert. In Deutschland nehmen die Bestsellerschmiede nun sogar schon Kinder unter Vertrag. Im übrigen sehnt man sich dort seit fast zehn Jahren nach dem GROSSEN ROMAN der nationalen Einheit - und übersieht dabei, dass Günter Grass? Weites Feld (1995) in seiner Langweiligkeit den bürokratischen Charakter der Wiedervereinigung vollkommen zum Ausdruck gebracht hat.

Um es gleich vorweg zu sagen: Auch unter den hier kurz zu besprechenden vier Büchern des Jahrgangs 1999 befindet sich nicht der GROSSE EUROPÄISCHE ROMAN. Aber ein paar interessante Tendenzen lassen sich daran sehr wohl feststellen. Den allseits von überzogenen Ansprüchen umstellten Neulingen bleibt offenbar nur noch der Rückzug auf überlieferte Erzählmuster, die Flucht ins Genre. Warum sonst sollte Gérard Oberlé seinen autobiographisch angehauchten Roman als Krimi tarnen? Der gebürtige Elsässer Oberlé war trotz des Altersunterschieds ein persönlicher Bekannter François Mitterrands, mit dem er mindestens zwei Vorlieben teilte: das Sammeln alter Druckwerke und Reisen nach Ägypten. So auch die Hauptperson seines Buches, ein bisexueller Lebemann namens Claude Chassignet, der nach Assuan fliegt, um den Verbleib eines dort verschollenen blonden Pianisten zu ergründen. Er bezieht Quartier im ehrwürdigen Hotel Old Cataract, wo einst Agatha Christie logierte, und wo Mitterrand ein paar Tage vor seinem Tod noch einmal dem Sonnenuntergang über dem Nil beiwohnen wollte. Anders als bei Agatha Christie dient die Aufklärung des Verbrechens jedoch bei Oberlé nur als Vorwand. Die emphatische Beschreibung Nubiens, seiner Sitten und Bewohner ist das eigentliche Thema von Nil rouge. Der unglückliche Pianist und der sinnliche Büchernarr Chassignet sind beide gleichermassen fasziniert von der Fremdheit des Landes. Aber während der eine dort den Tod sucht, findet der andere das Leben.

Die gleichen Motive des Verschwindes und Wiederfindens unter südlicher Sonne - verbunden mit allerlei sexuellen Geheimnissen - beherrschen auch den Romanerstling der Berliner Autorin Tanja Langer. Von Deutschland aus gesehen fängt der Süden allerdings schon an der Côte d'Azur an. Michel, ein erfolgreicher Jungarchitekt fährt ans Cap Esterel (so auch der Titel des Buchs), wo er als kleiner Junge während eines Ferienaufenthalts Vater und Mutter verlor. Die viel zu lange aufgeschobene Trauerarbeit in der elterlichen Ferienwohnung und beim Baden im Meer, an der Stelle wo die Eltern ertranken, löst schliesslich auch das Rätsel von Michels Liebesunfähigkeit. Und wir erfahren ganz nebenbei, dass seine Mutter heimlich in einen französischen Eisverkäufer namens Jules verliebt war. Eine neurotische Eltern-Kind-Beziehung steht auch im Mittelpunkt von Bouillottes. Dem rotzigen Tonfall nach zu urteilen handelt es sich hier schon eher um einen Krimi: Ein Mann rächt seine Eltern, die Selbstmord begingen, weil der Mutter nach einer Reihe von ärztlichen Kunstfehlern die Kraft zum Leben abhanden gekommen war. Nachdem er den ersten Arzt erschossen hat, setzt er sich auf sein Motorrad und rast gen Süden, denn sein zweites Opfer lebt auf Korsika. Auf der Insel erhält er völlig unerwartet die Chance der Liebe. Aber der einzelgängerische Ich-Erzähler erweist sich als unfähig, irgendeine menschliche Bindung einzugehen. Zärtliche Gefühle hegt er eigentlich nur für seine Wärmflaschen (bouillottes), die dem Roman den Titel geben. Die Sache endet also tragisch: der zweite Arzt muss auch dran glauben, und unser Held stürzt sich von den korsischen Klippen ins Meer. Eric Halphen, der Autor dieses Romans, ist in Frankreich als Untersuchungsrichter bekannt. Unerschrocken und gegen vielerlei Widerstände ermittelt er seit Jahren gegen die gaullistische Partei RPR, die in der Zeit, als Jacques Chirac noch die Ämter des Parteiführers und Pariser Bürgermeisters innehatte, offenbar in dunkle Geldgeschäfte verwickelt war.

Im Gegensatz zu Bouillottes, Cap Esterel und Nil rouge, deren Handlungsstränge durch Tod oder Verschwinden gespannt werden, steht bei Hanns-Josef Ortheils Roman Im Licht der Lagune das nicht weniger rätselhafte plötzliche Auftauchen eines Menschen am Anfang einer Geschichte, die ebenfalls am Mittelmeer spielt. (Ortheil ist übrigens der einzige unter den vier Autoren, der schon eine längere Schriftstellerkarriere hinter sich hat.) Wir befinden uns im ausgehenden 18. Jahrhundert. Nackt und scheinbar tot in einem Fischerboot treibend wird ein junger Mann in der Lagune von Venedig entdeckt. Niemand kennt ihn, und da er das Gedächtnis verloren hat, kann er nicht erklären, durch welches Unglück oder Verbrechen er in diese missliche Lage geriet. Aber Paolo di Barbaro, ein ebenso kultivierter wie verklemmter Patrizier, Spross eines uralten venezianischen Adelsgeschlechts, merkt bald, dass der geheimnisvolle Andrea ein begnadeter Künstler ist. Er beschliesst also, den mittellosen Fremden an sich zu binden und seine Bilder gewinnbringend an englische Kunstsammler zu verkaufen. Doch er hat die Rechnung ohne seine schöne Nachbarin gemacht, die sowohl Andrea als auch ihn selbst in ihren Bann ziehen wird.

Die Faszination des Südens, der Tod im Meer, der Verlust der Eltern, die Unfähigkeit zu lieben: es sind lauter altbekannte, geradezu mythische Motive, die in den vier Romanen wiederkehren und die Handlung bestimmen. Kann das Zufall sein? Eine vorübergehende Fin-de-siècle-Stimmung? Oder haben wir es mit Vorläufern zu tun? Schliesst sich etwa so der Kreis der Moderne? Wer weiss, vielleicht steht uns jenseits von Internet und Hypertext eine allgemeine Besinnung auf klassische Elemente des Erzählens bevor. Womöglich verfügt die Gutenberg-Galaxis über ungeahnte Brennstoffreserven und sind zahllose GROSSE ROMANE noch ungeschrieben...Der Kulturindustrie würde eine solche Renaissance jedenfalls nicht schaden. Sie braucht Mythen, um daraus Longseller und Hollywoodfilme für die Masse zu machen. Anders gesagt: Wäre die Titanic keinem Eisberg begegnet, so hätte man ihren Untergang zuerst als Roman erfinden müssen.


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