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Marc Porat,
Intelligent Agent

Folgen Sie uns auf einen Besuch bei General Magic, einem eher verschwiegenen Software-Unternehmen, das auf das grosse Geschäft mit dem Internet hofft. Es folgt ein Interview mit Marc PORAT, Mitglied des Aufsichtsrats und ehemaliger Präsident des Unternehmens.

von Joseph E. Romero

PARIS - General Magic ist ein Software-Unternehmen, das an der Entwicklung einer Reihe sog. Intelligent agents für das Internet arbeitet. Ein Intelligent agent ist eine Software-Anwendung, die ohne Beteiligung des Nutzers Informationen automatisch identifiziert und speichert, unabhängig davon, ob dieser online ist oder nicht. Der Anwender muss lediglich die Art der Informationen definieren, die er sucht. Die Erfinder der Intelligent agents haben ihre Produkte beschrieben als Tools, die alle langweiligen Aufgaben übernehmen können und dem Nutzer einen leichteren Zutritt zu dem virtuellen Dorf verschaffen, in dem Menschen aus allen Teilen der Welt über Pilze, Zen-Buddhismus oder Tiefseetauchen diskutieren können. Ihnen zufolge sind die Intelligent agents die Pioniere der sog. technologischen Revolution, die uns grenzenlose Freiheit beschert, indem sie Zeit, Entfernung und Grenzen überwindet.

Kehren wir jedoch zurück in die reale Welt. Die Firma General Magic mit Sitz in Sunnyvale/Kalifornien stellt einen Intelligent agent namens Telescript her und eine etwas weniger anspruchsvolle Hilfsanwendung namens Magic Cap - eine Art elektronischer Sekretärin, die u.a. E-Mails schreibt und Telefonnummern anwählt. Telescript ermöglicht es dem Ersteller einer Web Site, diese noch komplexer und aufwendiger zu gestalten. Die Anwendung ist interaktiv - die agents können aufwendige Suchvorgänge durchführen oder mit anderen Anwendern, die dieselbe Web-Site benutzen, in Kontakt treten. Magic Cap hingegen wird besonders E-Mail Fans ansprechen und kann auf dem Display eines Handys installiert werden. Es verfügt darüber hinaus über einen Web Browser und verwendet Icons, deren Motive dem amerikanischen Vorstadtleben entlehnt sind (z.B. erinnern die Bilder der Hauptstrasse stark an die Comic-Serie « Die Simpsons »). Da die Firma schon einige « Fehlstarts » hinnehmen musste, hofft Magic Cap nun auf die rasche Expansion des Marktes für portable Telefon-Computer.

General Magic hat eine weitere Offensive gestartet und die Tabriz-Produkte auf den Markt gebracht - hochentwickelte Ableger der Telescript-Hilfsprogramme. Für Unternehmen, die Produkte und Dienstleistungen via Internet anbieten, verwandelt Tabriz das Netz in ein aktives Medium für Geschäfte, das darüber hinaus ein sicheres Zahlungssystem anbietet. Magic gab unlängst bekannt, dass Fujitsu und eine japanische Marketingfirma namens Do House Co ihr Hilfsprogramm für einen neuen Online-Marketingservice (iMi - Interactive Marketing Interface) verwenden. iMi ist ein äussertst diskreter Service, der es Werbeleuten durch den Einsatz von Hilfssoftware ermöglicht, direkt mit bestimmten Segmenten des Verbrauchermarktes in Kontakt zu treten - unter Wahrung der Anonymität der Verbraucher. Die Verbraucher lassen iMi einen ausgefüllten Fragebogen zukommen, in dem sie bevorzugte Produkte, Hobbies und Reisegewohnheiten angeben. Die Verbraucher, die sich bereit erklären, diese Fragebögen zu beantworten und den Erhalt von Werbung zu bestätigen, erhalten Bonuspunkte, die sie gegen Geschenkgutscheine und Telefonkarten eintauschen können.

Marc PORAT (48), der für diverse Versammlungen und eine GSM-Konferenz nach Paris gereist war, sprach mit Culturekiosque über sein Programm.

CULTUREKIOSQUE: Herr PORAT, könnten Sie uns eine objecktive Definition des Begriffs « Intelligent agent » geben?

PORAT: Die Menschen sind nicht bereit, endlos viel Zeit damit zu verbringen, im Cyberspace herumzuexperimentieren. Jedoch wollen sie keine Fehler machen - darunter würde ihr Selbstwertgefühl zu sehr leiden. Selbst wenn sie über das fachliche Know-How verfügen, mangelt es ihnen an Zeit. An dieser Stelle kommt der Intelligent agent zum Einsatz, der den Menschen vertritt. Er nimmt Rücksicht auf individuelle Präferenzen und vollbringt im Netz nützliche Dinge, während sich der Mensch anderen Dingen widmet.

CULTUREKIOSQUE: Sie betrachten Intelligent agents als Verlängerungen des menschlichen Geistes. Obwohl in Europa die Demokratie weiterhin auf dem Vormarsch ist und sich festgefahrene Klassensysteme immer mehr auflösen, könnte es nicht dennoch möglich sein, dass die Intelligent agents die alten Klassenunterschiede und koloniale Verhaltensmuster wieder neu beleben, indem man für sie ein Vokabular verwendet, das an den Umgang mit Dienern etc. erinnert?

PORAT: Einer der grossen Visionäre bei Apple Computer ist Alan King. Er ging noch einen Schritt weiter und nannte sie Sklaven, die kein schlechtes Gewissen verursachen! Ich finde, dass ist ein sehr interessanter Gedanke.

CULTUREKIOSQUE: Könnten sie wirklich zu virtuellen, elektronischen Sklaven werden?

PORAT: Ja, möglicherweise. Diese agents sollen nicht denken, und man kann sie nicht beleidigen. Das einzig interessante an ihnen ist, dass sie sich durch das Netz bewegen. Sie führen Befehle aus und arbeiten. Die eigentliche Bedeutung des Worts « intelligent » hat eine kreative Konnotation, das Wort bezeichnet kreative Menschen mit einer Seele. Bei den Intelligent agents ist dies nicht der Fall. Sie sind einfach nur Tools. Sie müssen sie sich als mechanische Verlängerung ihrerselbst vorstellen, die einfache Aufgaben ausführt: agent, lies meine Post, such mir ein tolles Reiseangebot für die Karibik... - Routine-Aufgaben, die sich leicht automatisieren lassen.

CULTUREKIOSQUE: Agents sind nicht länger an bestimmte Netzwerke gebunden. Was sind also die Vorteile von Telescript im Vergleich zu anderen Programmen wie z. B. Java?

PORAT: Telescript ist seit Oktober ebenfalls unabhängig. Es ist an kein Netzwerk mehr gebunden. Wir bieten jetzt Web Tools an, in denen Telescript gratis enthalten ist, d.h. jeder, der es haben möchte, kann es bekommen. Java ist ein weiteres Beispiel. Auch diese Sprache verfügt über einen sog. mobile executable Code. Auch sie ist ein Computerprogramm, das sich frei in einem Netzwerk bewegt und Befehle ausführt. Die beiden Sprachen ergänzen sich: mit Telescript wird der agent auf dem Bildschirm erstellt - indem man Dinge anklickt und bewegt erzeugt man einen agent. Der agent geht dann in das Netzwerk, wo er auch bleibt. Java benutzt man, um Informationen aus dem Netzwerk zu holen und auf dem Bildschirm aufzurufen.

CULTUREKIOSQUE: Sie betrachten Telescript als Bereicherung für das Web, da es bestimmte Bereiche der Kultur einem grösseren Publikum zugänglich macht?

PORAT: Das Web wird heute zum allergrössten Teil als ein Medium zum Veröffentlichen von Informationen genutzt. Ich glaube, dass es zukünftig immer mehr als Unterhaltungs- und schliesslich auch als kommerzielles Medium genutzt werden wird. Die Pop- und die Massenkultur sind an allen drei Medienformen interessiert. Jedoch fühlen sich die meisten Leute dem ganzen noch nicht so ganz gewachsen - sie fühlen sich noch nicht in der Lage, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Selbst wenn sie das notwendige Know-How besässen, hätten sie einfach nicht die Zeit, ständig durch's Netz zu surfen und gleichzeitig ein geregeltes Leben zu führen. Die Anwendbarkeit unseres Tools auf die Popkultur, Massenkultur, Unterhaltungskultur oder die Kultur im allgemeinen wird erreicht durch ein Konzept, das wir das « Ich möchte »-Konzept nennen. Stellen Sie es sich als eine Person vor, die zu einer Anwendung spricht, die mit Hilfe unserer aktiven Web Tools erstellt wurde.

CULTUREKIOSQUE: Das hört sich interessant an. Können Sie uns ein Beispiel nennen?

PORAT: Wir geben z.B. Serge Eizenberg (Direktor von General Magic France) unsere aktiven Web Tools. Er schreibt die Anwendung. Sagen wir einmal, Serge sei ein Kenner der Pariser Kultur-Szene und möchte seine Assistentin nicht mit der Komplexität des Webs überfordern, denn sie kennt noch nicht einmal den Unterschied zwischen einer URL und einem medizinischen Fachterminus. Alles, was sie sieht, ist Serges Anwendung. Sie sagt: « Ich möchte Kunst, ich möchte moderne oder traditionelle Kunst. » Sie nennt seiner Anwendung, was sie möchte, woraufhin diese 10, 50 oder 1000 URLS abfeuert und eine oder mehrere Web-Seiten mit Links, Animationen, Graphiken etc. zusammenstellt - ihr ganz persönliches « Ich möchte Paris ». Serge teilt ihr per Telefon oder E-Mail mit, dass ihr Dokument fertig ist.

CULTUREKIOSQUE: Welche Art von kulturellen Erfahrungen macht Telescript im Web möglich, und inwiefern können die agents den Wert des Internets als Medium für kulturelle Erfahrungen steigern? Es wäre z.B. denkbar, dass ein agent zu einer Führung durch das Web einlädt oder durch ein virtuelles Museum oder eine wichtige Ausstellung führt - wie bereits geschehen bei der Vermeer-Ausstellung in Den Haag, wo der agent den Benutzer an jeder Etappe der Führung, an der sogar mehrere Benutzer gleichzeitig teilnehmen können, mit Kommentaren versorgte.

PORAT: Das ist bereits ein guter Auftakt, eine wirklich gute Idee! Unsere Interessen sind globaler Natur. Ich interessiere mich beispielsweise für Cezanne, Vermeer oder sieben Grunge Konzerte, die alle am selben Abend stattfinden. Ich möchte aber alle Konzerte sehen und hören. Nehmen wir einmal an, ich habe Sie zu mir eingeladen, wir haben ein Fläschen Wein geöffnet und haben Lust auf Grunge Musik. Dies soll ein agent für mich arrangieren. Serge Eizenberg ist der Grunge-Spezialist unter den agents. Er schreibt eine Anwendung mit Namen « Ich möchte heute abend Rock Musik, genauer gesagt Grunge hören. » Diese erledigt die Internet Audio und lädt sie herunter. Das ist bereits technisch machbar, selbst wenn das Konzert live übertragen wird. Die Video-Technik ist leider noch nicht so weit, aber auch das wird sehr bald kommen.

CULTUREKIOSQUE: Kann der agent auch mit Personen in Kontakt treten?

PORAT: Eine andere Möglichkeit wäre es in der Tat, dass eine Person sich an eine andere wendet mit der Bitte: « Ich möchte » mit anderen Menschen kommunizieren. « Ich möchte » beispielsweise einer Diskussionsgruppe beitreten, die sich über ein ganz bestimmtes Thema unterhält. Sehr interessiert wäre ich an einem Forum für Menschen in Not - beispielweise an einer Gruppe von Kindern, deren Eltern Alzheimer haben. Ich möchte also die 23 Menschen finden, die es weltweit gibt, die diesem Profil entsprechen. Ein agent könnte diese Arbeit theoretisch übernehmen. Der Anwender kann den agent bestimmte Informationen suchen lassen. Und die agents werden dies tun unabhängig davon, ob der PC des Auftraggebers eingeschaltet ist oder nicht. Der Nutzer verliert also keine Zeit mehr mit solchen Recherchen. Findet der agent eine passende Information, übermittelt er sie dem Anwender, der sie dann nutzen kann.

CULTUREKIOSQUE: Sie sind zu Beginn dieses Jahres nach Paris gekommen anlässlich der Lizensierung des Telescript-Programms von General Magic Inc. durch France Telecom. Inwiefern können kabellose Kommunikationsmittel, wie z.B. Handys, den Wert des PIC's (Personal Intelligent Communicator) oder des « Projet Pyramide » von France Telecom steigern?

PORAT: Ganz entscheidend. Ich war in Frankreich, weil ich einer der Hauptreferenten auf der GSM-Konferenz war. Wir haben sehr viel Aufsehen erregt. Wir haben einen PIC genommen, ihn mit einem Kabel an ein Handy angeschlossen und in eine PC-Karte gesteckt. Da er mit einem Web Browser ausgestattet war, konnten wir dann E-Mails und Faxe verschicken und durch das Web surfen. So einfach lässt sich aus einer Internet-Plattform eine GSM-Internet-Plattform machen. Alle Leistungen, die das « Projet Pyramide » von France Telecom anbietet, können durch diese Vorrichtungen zugänglich gemacht werden.

CULTUREKIOSQUE: Ein vielversprechenderes Projekt also als das AT & T-Projekt in den USA?

PORAT: Das stimmt. AT & T hatte es nicht leicht. In Frankreich wird unser Programm besser ankommen, und dafür gibt zwei Gründe: erstens ist die Anwendungsbasis sehr gross - dank der Verbindung zu Teletel, und zweitens ist es aufgrund des GSM-Anschlusses in ganz Europa kabellos. Unter der nächsten Generation von Geräten wird sich ein Bildschirm-Telefon befinden.

CULTUREKIOSQUE: Haben Sie für dieses Gerät schon einen Namen?

PORAT: Es ist ein "smart phone". Einer unserer Partner hat bereits einen Namen dafür gefunden: « Intelligent cellular phone » (intelligentes Handy), aber das ist noch nicht die definitive Produktbezeichnung.

CULTUREKIOSQUE: Können Sie uns sagen, wer dieser Partner ist?

PORAT: Natürlich, es handelt sich um Mitsubishi.

CULTUREKIOSQUE: Noch einmal für den technischen Laien: was macht die Besonderheit von Telescript im Vergeich zu anderen Programmen dieser Art aus?

PORAT: Der grosse Einfluss, den Telescript auf die Massenkultur ausüben wird, wird darin bestehen, Menschen zu helfen, komplexe Aufgaben auf einfache Art und Weise zu bewältigen. Was General Magic tut und was all die anderen grossen Software-Unternehmen tun, läuft meines Erachtens auf zwei unterschiedliche Strategien hinaus. Da gibt es auf der einen Seite die kommerziellen Internet Service Provider und auf der anderen Seite die freien Internet-Netze. Beide existieren parallel nebeneinander, da noch niemand weiss, wie man mit dem Web wirklich Geld verdienen kann. Irgenwann wird aber jemand zur Kasse gebeten werden, denn es gilt Menschen, Ressourcen, Maschinen und Technologien zu finanzieren. Wenn die erste Euphorie erstmal vorüber ist, wird rationalisiert werden müssen. Im Moment überwiegt jedoch noch die Begeisterung über die tiefgreifenden Veränderungen, die das Web mit sich bringt. Die Unternehmen sind noch dabei umzudenken. Die Möglichkeiten, die uns das Netz bietet, sind immens. Es ist absolut jedem Zugänglich und daher nicht zu kontrollieren.


General Magic web





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